Tu Wat Tage Bericht

Vom 7. bis zum 24. November 2008 fanden in Greifswald die Tu Wat Tage statt. Neben einer Broschüre, die sich mit einer breiten Auswahl an linken Themen beschäftigte, ga es in den zwei Wochen natürlich auch zahlreiche Veranstaltungen, darunter Vorträge und Kundgebungen. Hier nun der Bericht:

Am 7. November starteten die Tu Wat Tage mit einer Lesung der „testcard 17“, die sich schwerpunktmäßig mit dem Thema „sex“ auseinandersetzt. Die Veranstaltung war vom Ikuwo e.v. organisiert und der Veranstaltungssaal gut gefüllt. Martin Büsser, Co- Autor der Testcard, warf in der Lesung die Frage auf, wie sich das Thema sex in linken Zusammenhängen jenseits von Sexismus und patriachalen Rollenzuweisungen diskutieren und leben lässt. Im Anschluss wurde der Film „The Raspberry Reich“ von Bruce LaBruce gezeigt.

Am 9. November versammelten sich circa 20 Menschen, um den Opfern der Reichspogromnacht zu gedenken.
Es war genau 70 Jahre her, dass in ganz Deutschland Synagogen niederbrannten und jüdische Geschäfte und Wohnhäuser überfielen, geplündert und zerstört wurden. Doch es war mehr als nur Kristall und Scherben, die in dieser Nacht zu Bruch gingen, es waren Menschenleben, die zerstört wurden. Das Ausmaß des Pogroms war riesig; mindestens 100 Menschen wurden ermordet, 30.000 Männer in Konzentrationslager verschleppt und unzählige wurden gedemütigt, geschlagen und vergewaltigt. Unzählige Namen, die durch die Nationalsozialisten verschwunden sind; vergessen sind sie aber nicht.
Die Sprecherin machte deutlich, dass das die erschütternden Vorkommnisse in jener Nacht „ein von der Ns_ Führung inszeniertes Pogrom unter reger Beteiligung der Bevölkerung war. SA- Trupps machten den Anfang, der Bürgermeister so mancher dörflicher Gemeinde stieg nachts aus dem Bett um seinen nationalsozialistischen Bürgerpflichten nachzukommen. Aber es waren auch ganz normale Deutsche, die in die Wohnungen eindrangen, ihre jüdischen Nachbarn drangsalierten, das Geschäft an der Ecke plünderten oder halfen das restliche Mobiliar der örtlichen Synagoge zu zertrümmern. Es waren auch ganz normale Greifswalder und Greifswalderinnen, die mitmachten und zusahen, als die Geschäfte jüdischer Menschen in der Brügstraße und in der Steinbeckerstraße demoliert wurden, und als die NSDAP bereits fünf Jahre zuvor eben diese Läden blockierte und zum Boykott aufrief“
Abschließend wurde dazu aufgerufen „an das Leben und Leid der Opfer zu erinnern und konsequent gegen Neofaschismus, Antisemitismus und Rassismus einzutreten.
Neben der Rede wurde auch ein Auszug aus Jenny Aloni’s „Kristall und Schäferhund“, in dem sie ihre Erfahrungen während der Reichspogromnacht literarisch verarbeitet. Zum Abschluss der Gedenkkundgebung vor dem Taffel für die ehemalige jüdische Gemeinde in Greifswald wurde das Gedicht „bewältigte Vergangenheit“ von Reinhard Döhl rezitiert. Anschließend gab es einen Rundgang zu den im Sommer 2008 verlegten Stolpersteinen. Bei jedem der Stolpersteine wurde an das Leben und Leid der ehemaligen Anwohner_innen erinnert und Kerzen, sowie Blumen niedergelegt.
Am Abend fand dann im St. Spiritus ein Vortrag zum Thema „Das ewige Vorurteil? Antisemitismus in Vergangenheit und Gegenwart“ statt. Der Referent machte in dem interessant gestalteten Vortrag auf die verschiedenen Spielarten des Antijudaismus/Antisemitismus aufmerksam und erklärte sie in ihrem historischen Kontext.


Am 11.November versammelten sich ca. 25 Menschen zu der Veranstaltung „Freiheit stirbt mit Sicherheit – Gegen Überwachungsstaat und Repression“ im Haus der Kultur und Bildung (HKB) in der Stralsunder Straße. Nachdem die gemütliche Scheune eingeheizt und der Tee ausgeschenkt war begann der Referent der Roten Hilfe mit seinem Input. Er fasste kurz die Situation der Überwachung und Repression in Deutschland zusammen. So wurde unter anderem auf aktuelle Entwicklungen, wie die Vorratsdatenspeicherung, Fingerabdrücke in Reisepässen und den Einsatz der Bundeswehr im Inneren, hingewiesen. Anschließend wurde der Film „1984″ von George Orwell vorgeführt, der in erschreckender Weise zeigt wie Individualität von Menschen zerstört werden kann, die in einem totalitären Staat leben in dem sogar die Gedanken überwacht werden.

Am Mittwochabend ging es um „Lifestyle, Symbole und Codes der extremen Rechten“. Es kamen an die 30 Leute ins IKuWo um den Refernten interessiert zu lauschen. Die beiden Referenten zeigten anhand vieler Beispiele aus den 90ern sowie von heute die Entwicklung der Nazikleidung vom aggressiven Skinheadoutfit zum modischen Thor Steinar-Chic auf. Besonders die Thor Steinar Textilien wurden auf ihre versteckten Botschaften und die Bezugnahme auf die nordische Mythologie, Kolonialismus, Gewalt und Faschismus hin analysiert. Die ca. 30 anwesenden Besucher stellten viele Fragen und diskutierten unter anderem über den Missbrauch nordischer Mythologie durch Neonazis. Anschließend nutzten viele die Möglichkeit die Gespräche bei einem Bier am Antifatresen weiterzuführen(alle zwei Wochen im IKuWo).

„Tu Wat – für eine lebenswerte Stadt!“ – dieses Motto setzten am Sonntagnachmittag 15 junge Leute in die Tat um – und zwar beim Street Art Workshop im klex. Die Veranstaltung begann mit einer kurzen Einführung in die Geschichte von graffti und street art. Anschließend wurden die verschiedenen Stile und Techniken vorgestellt (Stencils, Paste Ups, Fliesen, Installationen..) und an Beispielen aus Greifswald erläutert. Nach der ganzen Theorie folgte nun der praktische Teil. Die Teilnehmer_innen suchten sich Motive aus und machten daraus Sprühschablonen, die dann sofort auf einer zur Verfügung gestellten Wand ausprobiert wurden. Auch Tu Wat! – Paste Ups wurde an eine Plakatwand geklebt. Insgesamt war es ein sehr produktiver und spaßiger Workshop, der vielen Leuten Anregungen zum Selbermachen gab.

Am Dienstag, den 18. November, fand ein Vortrag mit dem Thema „Gegen den rassistischen Normalzustand“ statt, an dem knapp 15 Personen teilnahmen. Anschließen wurde der Film „Leben in der Fremde gezeigt“.
Die Veranstaltung sollte ursprünglich im Pariser, einem augenscheinlich alternativen Jugendclub in Greifswald, abgehalten werden. Allerdings kam es zu einer Auseinandersetzung mit den Betreibern bzw. Bewohnern des Hauses, von denen einer „Thor Steinar“-Kleidung trug. Als sich in einer Diskussion, in die sich auch die Besucher der Veranstaltung einbrachten, herausstellte, dass diese Marke von dem Betroffenen ganz bewusst getragen wurde, und sich auch die übrigen Betreiber nicht davon distanzieren wollten, da der Jugendclub ja immerhin „politisch neutral“ sei, wurde der Vortrag in den Sitzungssaal vom Klex verlegt.
Sowohl im Vortrag als auch in dem Film ging es um die Situation von Flüchtlingen und Asylbewerber_Innen in Deutschland und insbesondere in Mecklenburg-Vorpommern. Es wurde aufgezeigt, mit welchen Diskriminierungen von Staat und Bürgern diese Menschen zu kämpfen haben und unter welchen z.T. unwürdigen Bedingungen sie hier leben müssen. So ist es Asylbewerber_innen beispielsweise nicht erlaubt ohne Genehmigung den Landkreis zu verlassen, in dem sie wohnen. Oft leben sie unter der ständigen Angst wieder abgeschoben zu werden.

Am Freitag, den 21. November, nahmen trotz der Kälte 18 Personen an dem konsumkritischen Spatziergang teil. Mit einem Einkaufswagen ging es durch die Stadt, wo an verschiedenen Stationen, wie Tschibo, H&M und einem Fleischstand auf dem Markt halt gemacht wurde. Auf interaktive Weise wurden unter anderem Informationen über die Kaffee- und Textilindustrie, über Fleischkonsum und Sojaanbau, gegeben.
Offenbar sorgte die Gruppe schon bald für Öffentlichkeitswirksamkeit, denn es dauerte nicht lange bis die Polizei auftauchte: Die Veranstaltung musste angemeldet werden, da sich jemand beschwert hätte.
Abschließend gab es im St. Spiritus noch die Möglichkeit sich über Alternativen zum gewohnten Konsumverhalten auszutauschen, wobei exemplarisch der Eine-Welt-Laden und der Second-Hand-Laden vorgestellt wurden.

Am Samstag, dem 22. November sollte im Klex ein Argumentationstraining gegen rechts stattfinden. Wegen der geringen Teilnehmerzahl wurde allerdings besprochen dieses auf einen Termin im Januar zu verschieben. Trotzdem gab es eine interessante Diskussionsrunde zum Thema Rechtsextremismus und politische Arbeit in Greifswald.

Am 24. November endeten die „Tu-Wat“-Wochen mit einer Gedenkveranstaltung für Eckard Rütz. Der Obdachlose wurde vor acht Jahren, in der Nacht vom 24. auf den 25. November 2000 von drei Neonazis zusammengeschlagen und schließlich ermordet. Da ein solcher Mord nicht in das Imagekonzept der Stadt und ihrer Vertreter_innen passte, gab es jahrelang kein öffentliches Gedenken an Eckard Rütz, bis sich vor zwei Jahren, angestoßen von der Antifaschistischen Aktion Greifswald, das Bündnis „Schon vergessen?“ gründete, dass im Speziellen das Gedenken an Eckard Rütz und allgemein eine aktive Gedenkkultur im Greifswald zu seinem Ziel machte. Nach einem Jahr des Engagements erreichte das Bündnis vor einem Jahr die Setzung eines spendenfinanzierten Gedenksteins, der dauerhaft an den Obdachlosen und seine brutale Ermordung erinnert. Doch damit sah das Bündnis seine Arbeit nicht als beendet an und fand sich auch dieses Jahr zu einem Gedenken zusammen. Um kurz nach 17 Uhr begann die Gedenkveranstaltung an der Mensa mit etwa 50 Besucher_innen. Nach einer Begrüßung durch eine Sprecherin des Bündnisses folgte die Rede des Bündnisses, die die sozialen und gesellschaftlichen Hintergründe des Mordes thematisierte und auf die Diskriminierungen und Anfeindungen hinwies, denen Obdachlose heutzutage alltäglich ausgesetzt sind. Anschließend sprach, wie schon im letzten Jahr, Dompfarrer Gürtler, der in seiner Rede auf die dieses Jahr in Greifswald verlegten Stolpersteine hinwies und an ihnen wie dem Gedenkstein an Eckard Rütz die Bedeutung des Gedenkens an Opfer der (neo-)nationalsozialistischen Ideologie aufzeigte. Nach der Rede folgte ein Moment des stillen Gedenkens und es gab die Möglichkeit, Kränze, Kerzen oder anderes am Gedenkstein niederzulegen. Abschließend folgte eine Rede der Greifswald’ Antifascist Youth, die die Verantwortung jede_s Einzelnen, einzugreifen und nicht wegzuschauen, aufzeigte und die Veranstaltung beendete.
Im Anschluss an die Gedenkverstaltung wurde im Foyer der Mensa ein Film über Obdachlose in Rostock gezeigt und anschließend mit dem Regisseur über seine Erfahrungen zu sprechen, die er während der Arbeiten an dem Film gemacht hat.
Wie zu erwarten, waren dieses Jahr, anders als im letzten Jahr, keine Vertreter_innen der Stadt anwesend. Die Offiziellen der Stadt scheinen auch acht Jahre nach dem Mord kein Interesse daran zu haben, eine Erinnerungs- und Gedenkkultur an die Opfer rechtsextremistischer Gewalttaten zu betreiben oder zu unterstützen.