NPD Stand erfolgreich gestört

Etwas verdutzt guckten Lutz Giesen und seine beiden Begleiter gestern drein, als sie mit ihrem VW Bus (SN ME 90) gegen halb zehn in der Greifswalder Innenstadt parkten um dort ihren NPD Infotisch aufzubauen. Denn auf dem Fischmarkt hatten es sich bereits dutzende Gegendemonstrant_innen gemütlich gemacht, um den NPD Stand zu blockieren.

NPD, die I.
Nach kurzer Diskussion entschlossen sich Giesen und Co. dennoch dazu Pavillon, Sonnenschirm und Klapptisch auszupacken. Kurze Zeit später trudelten einige vorpommersche Neonazis (darunter Enrico Hamisch), sowie der lokale Neonazinachwuchs (u.a. Jenny Marckwardt, Marcus Ernst) ein, sodass letztlich circa 15 sichtlich schlecht gelaunte Rechte versuchten Ordnungsruf- Zeitungen, den Greifswalder Boten, NPD-Stoffbeutel und Buntstifte unter die Fußgänger_innen zu bringen. Bessere Stimmung herrschte hingegen bei den 60-80 Protestierenden, die mit verschiedensten Mitteln versuchten den NPD Stand direkt zu blockieren. Ob mit symbolischen Kreidemarkierungen, Transparenten, einer Menschenkette oder Absperrband – der Zugang zum NPD Stand konnte zumindest zeitweise sichtlich erschwert werden. Ein massives Bullenaufgebot und das übereifrige Eingreifen der Beamt_innen beendeten die direkten Aktionen jedoch recht zeitnah. Insgesamt ließ sich die Zahl der Passant_innen, die sich bis zum NPD Stand verirrten, allerdings an zwei Händen abzählen. Unter ihnen interessanterweise ein Mitglied der Burschenschaft Markomannia, Alexander Sudoma, welcher sich ausgiebig der „Ordnungsruf“ Lektüre widmete und sich sowohl am Markt als auch beim Schönwalde Center in unmittelbarer Nähe des NPD Standes aufhielt.
Ein Teil der NPD’ler_innen versuchte es indessen mit einer anderen Strategie und verteilte ihre neonazistische Propaganda direkt in der Innenstadt an die vorbeieilenden Passant_innen. Da diese kaum einen Blick für die Verteiler, noch für die ihnen in die Hand gedrückten Zeitungen hatten, halfen Antifaschist_innen nach und verdeutlichten die rechte Gesinnung der NPD Verteiler mit „Neonazi“ Pfeilschildern und boten die Entsorgung der „Ordnungsruf“ Zeitungen an. Ergebnis dieser direkten Intervention: Nahezu alle verteilten NPD Blätter landeten dort, wo sie hingehören – in der Papiertonne.
Während sich also ein Teil der Rechten im Werbung verteilen übte, langweilte sich der andere Teil hinter dem NPD Stand und durfte mit ansehen, wie die bunte Menge der Gegendemonstrant_innen Flugblätter verteilte, zu den Klängen aus dem Kinderwagensoundsystem der Greifswalder Sektion der Hedonistischen Internationale tanzte, Volleyball spielte oder die Sonne genoss. Nach zweieinhalb Stunden und insgesamt etwa dreißig verteilten NPD Blättern packten die Neonazis zusammen und fuhren nach einem kurzen Zwischenstopp beim Tätowier- und Piercing Laden „Dirty Deeds“ mit ihren Autos davon.

NPD, die II.

Doch die wackeren NPD Neonazis gaben so schnell nicht auf, erhofften sie sich doch vor dem Schönwalde Center mitten im Greifswalder Plattenbaugebiet wahrscheinlich größeren Zulauf als in der Innenstadt. Auch hier versammelten sich zahlreiche Gegendemonstrant_innen und nach einem kurzen Handgemenge, gab es auch wieder Polizeischutz für den NPD Stand. Mit Musik, Einweg Grill, Gummi Twist und einen improvisierten Kupp Spiel vertrieben sich die Protestierenden die Zeit, während die NPD mit ganz anderen Problemen zu kämpfen hatte. Aufgrund eines etwas stärkeren Windes hob zunächst der NPD Schirm ab, später wirbelten verschiedene NPD Zeitungen durch die Luft, im Allgemeinen hingen Giesen und Kameraden die ganze Zeit am Pavillon um das Abheben von eben diesem zu verhindern. Entgegen der Hoffnung der Neonazis, verirrten sich an den zweiten Infostand noch weniger Menschen als in der Innenstand, dafür kam immerhin der HDJ Kader Ragnar Dam auf einen Small Talk vorbei. Gegen 17 Uhr , nach drei Stunden und vier verteilten NPD Stoffbeuteln fuhren die Neonazis dann endgültig von dannen.

„Mal sehn, wer hier den längeren Atem hat…“
So raunte es einer der NPD’ler am Vormittag den Demonstrant_innen entgegen. Nachdem in Schwerin und Bützow die NPD Infostände nach antifaschistischen Protesten abgebrochen wurden, scheinen sich die Neonazis inzwischen darauf eingeschworen zu haben, ihre Aktionen auch trotz antifaschistischer Gegenwehr bis zum angemeldeten Ende durchzuführen. Dieser Kampfeswille zeigte in Greifswald jedoch keine nennenswerten Erfolge, denn selbst im Plattenbaugebiet, wo die NPD bei den letzten Landtagswahlen deutlich mehr Stimmen als in der Innenstadt erhielt, konnte sie das Ziel eines Infostandes, nämlich Informationsmaterial an interessierte Bürger_innen zu verteilen nicht im Ansatz erreichen. So bleibt der NPD am Ende des Tages nur der Erfolg eines trotz Protesten und starken Wind zur Schau getragenen Stehvermögens.
Für die Greifswalder Anti-Naziszene kann der gestrige Tag hingegen auf alle Fälle als Erfolg gewertet werden. Es ist ein positives Zeichen, dass sich trotz der kurzen Mobilisierungszeit so viele Menschen und Gruppen aus den unterschiedlichsten Spektren an den Protesten beteiligt haben und mit eigenen Ideen den antifaschistischen Protest so vielfältig und effektiv gestaltet haben.



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