Erfolgreiche Aktion gegen deutsche Zustände in Greifswald!

Am Abend des 3. Oktobers versammelten sich vor der Greifswalder Mensa rund 150 Menschen zu einem Spontankonzert. Die anwesenden Personen, machten auf Transparenten, Schildern und mit Sprechchören klar , dass sie keinen Bock auf Deutschland und Einheitsfeierei haben. Pyrotechnische Effekte unterstützen die ausgelassene und entschlossene Stimmung. Das ganze Konzert über zeigten sich die Bullen nur zurückhaltend und so konnte ein unkommerzieller Freiraum genutzt werden. An diesem Ort wurde 2001 der Obdachlose Eckard Rütz von Neonazis ermordet. Durch den Einsatz von Antifaschist_innen konnte vor 2 Jahren ein Gedenkstein eingeweiht werden. (www.schon-vergessen.tk)

Nach dem reibungslosen Auftreten der Bands wurde spontan durch die Greifswalder Innenstadt demonstriert. Obwohl die Bullen mit 2 Wannen versuchten die Demo zu begleiten wurden zahlreiche Bengalos und Böller gezündet. Als die Sponti am Karl-Marx-Platz ankam wurde ein wartendes Polizeiauto angegriffen und der rechten Burschenschaft Markomannia die Fenster entglast. Danach verstreuten sich die Teilnehmer_innen im Greifswalder Stadtgebiet. Glücklicherweise gab es keine Festnahmen.

Burschenschaft Markomannia – Nationalisten, Revanchisten, Sexisten…
Bereits 2006 wiesen Antifaschist_innen mit der Kampagne „Burschis aus der Deckung holen – Den rechten Konsens anfechten“ auf hierarchische Organisationsstruktur, elitären Charakter, völkischen Nationalismus, (strukturellen) Sexismus und Revanchismus der hiesigen Burschenschaften hin. So versteht sich die Markomannia Aachen Greifswald als Verbindung mit „deutsch-nationaler Ausrichtung“. Sie ist nicht nur Mitglied im Dachverband „Deutsche Burschenschaft“, sondern gehört auch zur „Burschenschaftlichen Vereinigung“, die in ihren Statuten ihr revanchistisches Geschichtsbild offenbart: „Grundlegend für die Burschenschaftliche Vereinigung ist, dass keine Abtretung der Ostgebiete stattgefunden hat, sondern dass sich diese Gebiete im Schwebezustand befinden (…)“ Weiterhin unterstütze man den „volkstumsbezogenen Vaterlandsbegriff ohne Rücksicht auf staatliche Gebilde und deren Grenzen.“ Auf dem Burschentag 1994 stellte die Markomannia dann auch einen Antrag zur Angliederung Österreichs an Deutschland. Zudem tritt die Markomannnia als Veranstalter von Vorträgen mit Neu-Rechten Ideologen wie Götz Kubitschek auf. Dieser war lange Jahre Redakteur bei der reaktionären Wochenzeitschrift „Junge Freiheit“ und ist Mitbegründer des Instituts für Staatspolitik, das sich in einer Grauzone zwischen Konservatismus und Neofaschismus bewegendzu einer der wichtigsten ideologischen Kaderschmieden für die Neue Rechte entwickelte. Regelmäßig gab/gibt es gemeinsame Veranstaltungen (z.B zum Volkstrauertag) mit der Greifswalder Burschenschaft Rugia, aus deren Reihen einige neonazistische Karrieren (z.B. Stefan Rochow – NPD) erwuchsen und die gute Kontakte zu Greifswalder Neonazis pfleg(t)en.

Worte wollen nichts bewegen/ Worte tun niemanden weh/ also lass uns drüber reden/ Diskussionen sind okay …
Zahlreiche bürgerlichen Printmedien, sowie Radio und Lokalfernsehen berichteten MV-weit über die Ereignisse in Greifswald. Der zuständige Polizeisprecher Axel Falkenberg, fühlte sich gar an das Vorgehen beim G8 Gipfel 2007 erinnert, die Burschenschaft selbst sprach in einer Pressemeldung von einem „feigen, heimtückischen und hinterlistigen“ Angriff; man fürchte nun „Rostocker Verhältnisse“. Auch von neonazistischen Internetseiten wie altermedia, gesamtrechts.info und der NPD-MV , die von „Rotfrontterror“ und „Pogromstimmung“ schrieben, wurde das Thema aufgegriffen. Interessant ist vor allem die Reaktion in der studentischen Öffentlichkeit. Kaum einen Tag nach dem Angriff veröffentlichte das studentische Online Portal webmoritz.de, das des öfteren kritisch über die Burschenschaften berichtete, nicht nur die gesamte Pressemitteilung der Burschenschaft, sondern auch sage und schreibe zwölf (!!!) Fotos von der eingeworfenen Glasfassade. Die Kommentarspalte zum Artikel füllte sich rasch mit Distanzierungen aller Art und moralischer Entrüstung. So kam auch Sebastian Jabbusch, ehemaliger Chefredaktuer des Onlineportals, der Forderung der Burschenschaft nach einer Distanzierung umgehend nach und ließ per Twitter verlauten: „(…) Ich möchte mich ganz klar von diesem (sowie jeglichen!) gewaltsamen und daher sinnlosen / gefährlichen Übergriffen distanzieren! Zwar will ich mich nicht mit der Burschenschaft solidarisieren, ich begrüße aber, dass man dort in letzter Zeit auf Dialog gesetzt hatte.“ Um diesen Dialog ist anscheinend nicht nur Jabbusch besorgt. So mutmaßt ein User namens „Marco Wagner“ gar: „Vielleicht war diese Aktion sogar gezielt geplant um einen Dialog zwischen Burschenschaftern und deren Kritikern zu stören?“ Und so muss es dann für einige Besorgte fast wie eine Erlösung vorgekommen sein, als die Markomannia verkündete „für verbale Auseinandersetzungen auf akademischen Niveau“ weiterhin bereit zu stehen.

Der „demokratische Diskurs“ von dem hier die Rede ist, entspann sich vor etwa einem Jahr als der Asta einen Flyer veröffentlichte , in dem über Burschenschaften im Allgemeinen und die Verstrickungen der Rugia und Markomannia ins „rechtsextreme Spektrum“ aufgeklärt wurde. Die Markomannia veröffentlichte als Reaktion einen im Layout an das Asta Original angelehnten Flyer, in dem sie in polemischer Weise auf die Vorwürfe einging, es jedoch nicht vermochte diese inhaltlich zu entkräften. Auf den Vorwurf des Nationalismus entgegnete die Burschenschaft „man liebe lediglich Deutschland“, den oben erwähnten Vortrag mit dem NeuRechten Ideologen Kubitschek deklarierte man als Veranstaltung zur „freien“ Meinungsbildung und auf den kritisierten Revanchismus antwortete man mit der Einschätzung, dass die Abtretung der Ostgebiete ein „verabscheuenswürdiges und trauriges Kapitel europäischer Geschichte ist“. Im Anschluss entand eine Debatte für die das studentische Online Portal webmoritz.de die Plattform bot. In den meisten Diskussionsbeiträgen und Kommentaren fand sich zwar immer noch eine klare Distanzierung zu den Burschenschaften, allerdings begrüßte bespw. der Verfasser des Asta Flugblattes den Antwortflyer der Markomannia als „Mittel des demokratischen Diskurses“, obwohl der Burschi Flyer inhaltlich nichts zu einem solchen beitrug. Im Januar 2009 ließ sich dann Christoph Böhm, Vorstandsmitglied der Markomannia, als Kandidat zur Stupa Wahl aufstellen. In einem Interview mit Sebastian Jabbusch distanzierte er sich von NPD und Kameradschaften, begründete dies jedoch nicht etwa inhaltlich mit einer klaren ablehnenden Haltung gegenüber Nationalismus, Rassismus oder anderen Ungleichwertigkeitsideologien, sondern mit so schwammigen Formulierungen wie: „Ich hatte das große ‚Vergnügen‘ (Dies ist hier sarkastisch gemeint!) von einem Bundesland in der die NPD im Landtag sitzt, in ein Bundesland zu ziehen, in der sie gerade in den Landtag einzog. In meinen Augen hat die NPD in beiden Fällen sehr deutlich gezeigt, welcher Ideologie man dort folgt und auf welchen Niveau man das tut. Es ist sehr erschreckend wenn man die jeweiligen Berichte sieht, auch wenn ich manchmal nicht weiß ob man nun lachen oder weinen soll. (…) Kurz: ich distanziere mich absolut von der NPD und ihren Zielen.“ Auf die Frage warum, der sich selbst als „liberaler Konservativer“ verstehende, Böhm denn Mitglied in der Markomannia (und somit in der Deutschen Burschenschaft und der Burschenschaftlichen Vereinigung) sei, bleibt er eine Antwort schuldig.

Es zeigt sich, dass die Markomannia in der von vielen so hoch geschätzten öffentlichen Debatte, nicht in der Lage war/ist, die konkreten inhaltlichen Vorwürfe direkt zu entkräften und sich kritisch, mit den hinter ihrer täglichen Praxis stehenden Ideologien auseinanderzusetzen. Die gebetsmühlenartige Wiederholung, man habe nichts mir Rechtsextremen zu tun und distanziere sich von ihnen, ändert nichts an den im Abschnitt über die Burschenschaft genannten Fakten und auch nichts daran, dass Burschenschaften wie die Markomannia ob ihrer Organisationsstruktur und ihres Selbstverständnisses per se elitär, autoritär und sexistisch sind und für einen aggressiven völkischen Nationalismus eintreten, der wie in diesem Fall mit revanchistischen Gebietsansprüchen einhergeht. Insofern müssen sich diejenigen, die so vehement für einen „demokratischen Diskurs“ mit der Markomannia eintreten, die Frage gefallen lassen, was dieses Diskutieren um des Diskutierens willenbringen soll.

links=rechts=links=rechts?!???
Auch Landtagspräsidentin, Silvia Bretschneider (SPD), verurteilte gegenüber dem Norddeutschen Rundfunk den Angriff: Übergriffe sowohl von Links- als auch Rechtsextremisten seien nicht zu akzeptieren. Gewalt sei kein Mittel der politischen Auseinandersetzung. Korbinian Geiger (RCDS), seines Zeichens Greifswalder StuPa-Präsident treibt diese Rechts-Links Gleichsetzung in extremismustheoristischer Manier weiter auf die Spitze: “Wenn da ein randalierender Mob durch die Straßen zieht, ist hinsichtlich des Gewaltpotenzials kaum noch ein Unterschied zu den braunen Horden in anderen Städten zu erkennen.” Auch in verschiedenen Kommentaren bei dem Greifswalder Studierendenmagazin „webmoritz“ wird militanter Antifaschismus unverhohlen mit neonazistischen Übergriffen gleichgesetzt. So schreibt „Thomas Rütz“: „Wer Steine auf Burschenschaftshäuser wirft, der darf Brandanschläge auf Ausländerwohnheime nicht verurteilen.“ und ein User namens „Martin“ bringt es auf die einfache Formel: „linksextrem=rechtsextrem“. Jenseits jeglicher inhaltlicher Kriterien werden so sich inhaltlich diametral gegenüberstehende Ansätze gleichgesetzt und eine Ideologie gestützt, die von der Existenz einer „demokratischen Mitte der Gesellschaft“ ausgeht, welche von „extremistischen Rändern“ angegriffen wird. Dadurch dass diese Theorie inhaltliche Gesichtspunkte vollkommen außer Acht lässt, ist sie nicht in der Lage, gesellschaftliche Realität angemessen zu beschreiben. Denn antisemitische, rassistische, autoritäre und sexistische Einstellungen ziehen sich durch weite Teile der Bevölkerung unabhängig von ihrem Alter, Geschlecht, Bildungsgrad, ihren Einkommensverhältnissen oder ihrer Parteipräferenz. (http://inex.blogsport.de/)

Wird darüber reflektiert, wer aus welcher Motivation heraus sein Handeln womit begründet, dann macht es eben doch einen Unterschied, ob Neonazis aus ihrer nationalsozialistischen Ideologie heraus, ein Asylbewerber_innenheim in Brand stecken oder ob Antifaschist_innen die Infrastruktur einer zutiefst reaktionären Vereinigung wie die einer Burschenschaft angreifen. Bei ersterem wird aus einer faschistischen Ideologie heraus, die den Individuen unterschiedliche Wertigkeiten zuschreibt, der Tod von Menschen beabsichtigt bzw. einkalkuliert. Die hohe Zahl der Todesopfer neonazistischer Gewalt belegt deren Nichtwertschätzung des Lebens. Für Neonazis ist Gewalt kein notwendiges Übel (wie für antifaschistische Aktivist_innen), sondern Inhalt ihrer politischen Ideologie und wird dazu genutzt das eigene faschistische Selbstverständnis als überlegen und stark zu demonstrieren. Das Entglasen eines Burschenschaftshauses hingegen sorgt nicht nur für materiellen Schaden bei einer völkisch-nationalistischen, sexistischen und revanchistischen Vereinigung,sondern verhindert zumindest für eine gewisse Zeit ganz konkret, dass diese ihre unemanzipatorischen und reaktionären Ideologien (zum Beispielim Rahmen von Ersti-Partys) ungestört öffentlich zelebrieren können.