Bericht zur Gedenkveranstaltung

Gestern fand eine vom Bündnis „Schon vergessen“ organisierte Veranstaltung statt, um des ermordeten Eckard Rütz zu gedenken. Dazu kamen mehr als 50 Menschen zu der Gedenktafel am Mensavorplatz, die daran erinnert, dass vor neun Jahren, in der Nacht vom 24. zum 25. November, drei Neonazis den obdachlosen Menschen zunächst verprügelten und dann erschlugen. Ihrer Tat ging ein menschenverachtendes Weltbild voraus, in der ein Mensch wie Eckard Rütz, keinen Platz hat, da er, so einer der Täter während der Gerichtsverhandlung, „dem deutschen Steuerzahler auf der Tasche liege“.

Mit andächtiger Musik, einem Gedicht und einer Schweigeminute, in der Kerzen und Blumen niedergelegt wurden, wurde der Rahmen für ein würdiges Gedenken geschaffen. Auch wurde eine Rede des Bündnisses verlesen, die hier zitiert werden soll:

Auch in diesem Jahr wollen wir hier, an dem Ort, an dem vor nun mehr neun Jahren ein obdachloser Mensch erschlagen wurde, dem Opfer dieses Übergriffes, Eckard Rütz, gedenken.
Denn: Das Gedenken, die Erinnerung an den so grausam aus seinem Leben gerissenen Menschen Rütz ist es, die uns mahnend unsere Mitverantwortung gegenüber unseren Mitmenschen vor Augen führt, seinen Namen aus der Versenkung holt und ihm wenigstens an diesem Tag einen Teil seiner Würde zurück gibt.
Eckard Rütz wurde hier in der Nacht vom 24. auf den 25. November 2000 von 3 Neonazis zunächst brutal verprügelt und anschließend erschlagen.

Und auch in diesem Jahr denken wir nicht daran zu vergessen oder zu vergeben. Wir vergeben nicht, dass Rütz sterben musste, weil er der erstbeste Mensch war, der nicht in das Weltbild seiner Mörder passte und auch nicht mit welcher Skrupellosigkeit sie gegen ihn vorgingen. Und wir vergessen nicht, mit welcher Kaltblütigkeit sie Rütz zu einem Fremdkörper der Gesellschaft degradierten, um so ihre Tat zu erklären.

Doch es gibt nichts zu erklären, denn er musste sterben, weil er nicht in das menschenverachtende Weltbild der Neonazis passte, in dem es keinen Platz für sozialschwache und hilfsbedürftige Personen, wie Rütz, gibt. Das solche Menschen wie Rütz als Schmarotzer und somit als schädlich für die „gute deutsche Volksgemeinschaft“ gesehen werden und diese Menschen zum Wohle des Volkes „unschädlich“ gemacht werden, ist letztendlich die perverse Konsequenz eines faschistischen Denkens, dem in eben dieser Nacht Eckard Rütz zum Opfer fiel.

Und obwohl das Motiv so simpel, stupide und einfach nach zu vollziehen scheint, setzt sie uns jedes Mal aufs neue der vollkommenden Fassungslosigkeit und Verbitterung aus. Verbitterung deshalb, weil es trotz dieser Tat so wenige gibt, die es interessiert und so viele, die nicht einmal hierher kommen, um zu gedenken. Es ist traurig zu sehen, dass die Aufarbeitung des Vergangenen und die daraus folgende Auseinandersetzung mit rechten Strukturen in unserer Stadt so wenigen am Herzen liegt.

Doch das nicht Vergessen und Vergeben gilt auch der Stadtverwaltung, die immer wieder versuchte die Setzung des Gedenksteines zu verhindern oder hinaus zu zögern, die darum bemüht war die Tat der 3 Neonazis in eine dreier „rechtsgesinnter Jugendlicher“ zu machen und aus Sorge um den Ruf der Stadt den Mord an Eckard Rütz am liebsten in der Vergessenheit untergehen lassen zu wollte.
Es gab nach seiner Ermordung keinen Aufschrei der Anständigen – und auch heute schaltet sich die Stadt oft erst ein, wenn rechtsextreme Straftaten durch die Medien ins Licht der Öffentlichkeit gezerrt werden. Die Reaktionen der Stadtverwaltung scheinen dann wieder als Versuch das Bild der toleranten Stadt zu wahren, eine wirkliche Ergründung der Ursachen von Rechtsextremismus und Möglichkeiten sie zu verändern, bleibt jedoch leider aus. Demgegenüber werden Repressionen gegenüber Antifaschisten und Antifaschistinnen weiter verschärft.

Wir vergessen keine Intoleranz und blinde Wut, die in einem Mord endete. Und wir vergeben keine Ignoranz der Stadt, auch wenn diese die Gedenkkultur in Greifswald wiederspiegelt. Wir werden auch weiterhin allem entgegentreten, was sich gegen das Leben stellt und keinem Neonazi auch nur einen fußbreit in der Gesellschaft bieten, denn das passierte in diesem Land schon zu oft. Und auch jenen, welchen ihr Geld und ihr persönlicher Wohlstand wichtiger ist, als die Unterstützung von Hilfsbedürftigen und ihre gesellschaftliche Verantwortung, müssen sich darauf gefasst machen in Zukunft nicht mehr ungestört agieren zu können…
Denn wer weg sieht oder gar zuguckt, stimmt zu… Doch wir werden nie vergessen!

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