Archiv für Juli 2010

Abpfiff!

Dieser Tage lacht nicht nur die Sonne; nein, auch jeder Mensch mit antinationalem Anspruch hat ein Lächeln auf den Lippen – endlich ist sie vorbei, die Fußball-Weltmeisterschft 2010.
So langsam schwindet bei den meisten Geifswalder_innen das Bedürfnis, anderen Menschen zu jeder Gelegenheit, ungewollt oder gewollt, schwarz-rot-goldene Fahne ins Gesicht zu halten – die Fahnen eben jenes Staates, der nicht nur im historischen Kontext für massives Leid, Unterdrückung und Ausgrenzung steht.
Von kultureller Vielfalt war in den vergangenen Wochen ebenfalls nicht viel zu spüren; meist blieb der Marktplatz bei Spielen ohne Beteiligung der deutschen Mannschaft auffallend leer.
Das Public Viewing schien sowieso, wie auch in den Jahren zuvor, eher der Ort zu sein, an dem mensch im Kollektiv das wieder neu entdeckte Nationalgefühl zelebrierte und den Stolz auf die „eigene“ Nation zum Ausdruck brachte. Pünktlich zu jedem Spiel der „deutschen Jungs“ entstand obendrein eine „Wohlfühloase“ für Faschist_innen und Nationalist_innen auf dem gesamten Marktplatz. Nicht selten suchten Fans, die mit einer anderen Mannschaft als der deutschen sympathisierten, beim Anblick des deutschen Mobs das Weite.
Dies ist jedoch auch kaum verwunderlich bei einer Veranstaltung, in deren Verlauf die Reichs-Kriegsfahne unbehelligt geschwungen werden kann – abermals kein Einzelfall.
Auch die Bullen leisteten ihren Beitrag zum gelungenen Abend, indem sie lieber Radfahrer_innen anhielten und Strafgelder verhängten, statt sich um die betrunkenen Deutschlandbratzen zu kümmern, die randalierend und gröhlend durch die Innenstadt zogen.  Die Erfahrungen aus den letzten Jahren veranlassten uns dazu, ein kritisches Fan-Zine über diesen Spuk zu publizieren. Von dem Reader „KICK IT“ wurden in den letzten Wochen mehrere hundert Exemplare verteilt. Dieser ist auch weiterhin auf unserer Seite als pdf verfügbar.
Darüber hinaus wurde sich in diesem Jahr noch reger am „Capture the flag“-Spiel beteiligt. Frei nach dem Motto „der Dreck muss weg“ wurde das Stadtbild von so manchem Accessoire der nationalen Einheitsbeflaggung erleichtert.
Trotz dessen: Die WM ist zwar vorbei, doch Deutschtümelei und Nationalismus müssen auch außerhalb solcher Großereignisse bekämpft werden!

Enough is Enough

Banner Anklam

Wider den Anklamer Zuständen!

Anklam, das „Tor zur Sonneninsel Usedom“. Eine Kleinstadt in Ostvorpommern, die ihre besten Zeiten bereits hinter sich hat. Von den einst 20.000 Einwohner_innen sind 7.000 inzwischen weggezogen. Der Status als Kreisstadt geht ebenfalls in Bälde Flöten. Dieser Trend ist repräsentativ für viele Orte in der Region und eigentlich gäbe es keinen Grund sich weiter mit der Sache zu beschäftigen, wären da nicht die Nazis.
Die äußerst vitale Neonaziszene der Stadt ist das prägende Merkmal, für das Anklam zu Recht bundesweite Bekanntheit genießt. An ihr lässt sich nicht nur der derzeitige Zustand der Neonazi-Bewegung, sondern auch noch sämtliche Entwicklungen der vergangenen 20 Jahre exemplarisch ablesen – und das stellvertretend für den gesamten Landkreis.
Ein Landgasthof in Klein Bünzow, einem winzigen Vorort Anklams, manifestierte sich in den 90er Jahren zu einem überregionalen Treffpunkt der damaligen rechtsradikalen Skinheadszene und bot vielen Jugendlichen, genau die Wochenendabwechslung, nach der junge Nazis zu der Zeit verlangten. Rechtsrockkonzerte, Liederabende und Kameradschaftstreffen – regelmäßig wiederkehrende Kulminationspunkte einer rechten Lebenswelt, die auf einem Männlichkeitskult, auf Ausgrenzung und die Diskriminierung anderer aufbaut.
Diese frühen Jahre der Szene in Anklam und Umgebung schufen die Basis für die beispiellose Verankerung der Naziszene im Alltagsleben, für die Anklam auch heute noch berüchtigt ist. In Anklam existiert mit dem New Dawn nicht zufällig der dienstälteste Naziladen des gesamten Bundeslandes. Hier herrscht eine obskure Mischung aus blinder gesellschaftlicher Akzeptanz und leichtfertiger bürgerlicher Toleranz, die es über etliche Jahre hinweg ermöglichte so einen Laden zu betreiben und die braunen Propaganda-Produkte nicht nur an die jungen Glatzen von damals, sondern auch an die erwachsen gewordenen überzeugten Neonazis von heute zu verkaufen. Ein idealer Nährboden für die braunen Jungs & Mädels, in denen es ihnen leicht fällt sich zu organisieren, ob im Kameradschaftsbund Anklam (KBA) oder in der NPD – wer sich hier in rechtsradikalen Gruppen wie diesen engagiert, braucht keine Kritik zu fürchten wie andernorts.
So ist es auch nicht verwunderlich das Anklam zu den Trendsettern in der Szene zählt. Während das Gros der Kommunen in Mecklenburg-Vorpommern erst zur vergangenen Kommunalwahl im letzten Jahr den Rechtsruck vollzog und ihre NPD-Funktionäre in die Gemeinde- und Stadtvertretungen wählte, so geschah dies in Anklam alles bereits eine Legislaturperiode früher. 2004, als auf Landesebene noch kaum jemand das gruselige Szenario einer möglichen NPD-Fraktion im Landtag für realistisch hielt, liess sich heute Landtagsabgeordnete Michael Andrejewski bereits in die Anklamer Stadtvertretung und den Kreistag von Ostvorpommern wählen. Der Wahlerfolg von damals war bereits der erste Ertrag einer kontinuierlichen Aufbauarbeit, die hier seit 20 Jahren betrieben wird und die solch kleine Gemeinden wie Anklam erst attraktiv für bundesweit agierende Neonazi-Kader wie Andrejewski machen.
Für den 31. Juli planten die Nazi-Aktivist_innen wiederum ein Stück braune Idylle zu inszenieren. Die NPD wollte mit einem Kinderfest, wie es in Stralsund oder Doberan schon häufiger stattfand, die Erlebniswelt für die Familien ihrer Aktivist_innen, aber auch für die ihrer Sympathisant_innen und etwaigen Unentschlossenen, um ein Stück erweitern. Doch erfreulicher Weise trat hier eine Irritation ein, mit der die Nazis von Anklam schon lange nicht mehr gerechnet hätten. Ihr Event wurde verboten.
Nun steht der Stadt das bevor, was andere Städte mit erniedrigender Regelmäßigkeit über sich ergehen lassen müssen. Ein Naziaufmarsch. Angekündigt als unverhohlene Drohung, wenn schon nicht ihr „Kinderfest“ stattfinden dürfe, dann solle der Rest der Stadt schon sehen, wie sie mit dem braunen Spuk fertig werden. Für uns ist das ein willkommener Anlass Anklam wieder auf die Tagesordnung zu setzen. Wir wollen darauf aufmerksam machen. Diese Stadt hat kein Problem mit Nazis – aber wir. Wir wollen zeigen, das schweigende Provinzen wie Ostvorpommern nicht nur zu einem bewährten Rückzugsraum für Neonazis geworden sind, sondern auch sämtlichen Vorstellungen eines gut eingerichteten Gemeinwesens widersprechen! Die Verhältnisse in Anklam sind beschämend und der Trend, die schlechten Schlagzeilen in der Presse und die bundesweite Aufmerksamkeit für Anklams Naziproblem einfach auszusitzen, darf nicht unwidersprochen bleiben.
Demonstriert mit uns am 31. Juli in Anklam und zeigt den Nazis, das sie auch hier in der finstersten Provinz keine sichere Homezone haben!
Enough is Enough – Wider den Anklamer Zuständen

Mobiveranstaltung : 16.07.10 Peter-Weiss-Haus 20 Uhr (pünktlich!)

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