19. November 2006
Proteste gegen den Volkstrauertag

Bundesweit wird heute der so genannte Volkstrauertag begangen. Auch in Greifswald fanden aus diesem Anlass zahlreiche Veranstaltungen statt. Initiiert durch den „Volksbund deutscher Kriegsgräberfürsorge“ bot sich für die Anwesenden eine gute Gelegenheit ihre revisionistischen Ansichten an die Öffentlichkeit zu bringen und die deutschen Täter zu Opfern umzudeuten. Doch die Opfergemeinde sah sich mit vielfältigem Protest konfrontiert.
Schon Tage zuvor erschienen in der regionalen Presse zahlreiche Artikel über die bevorstehenden Veranstaltungen bei denen „an die Kriegstoten und Opfer der Gewaltherrschaft aller Nationen“ erinnert werden sollte. Angekündigt wurde unter anderem, dass die zentrale
Gedenkstunde des Landes Mecklenburg-Vorpommern am Vorabend in der Greifswalder Jakobikirche stattfinden solle und dass es am Morgen des 19.11. eine Gedenkveranstaltung auf dem Friedhof geben werde. Auch die Greifswalder Burschenschaft Markomannia kündigte auf ihrer
Internetseite für heute eine Kranzniederlegung an.

Sind wir nicht alle ein bisschen Opfer?
Offenbar schon in der Nacht vom Freitag zum Samstag hatten Unbekannte währenddessen den Gedenkstein für die „gefallenen Komillitonen der beiden Weltkriege“ und die Bismarcksäule mit rosa Farbe verziert. Auch auf der nahe gelegenen Insel Usedom verpassten Unbekannte den Soldatenehrenmälern in Trassenheide, Zinnowitz, Koserow, Stolpe und Garz einen neuen farblichen Anstrich und tauchten Stahlhelmsoldaten und Reichsadler in ein zartes Rosa.
Am Vorabend des „Volkstrauertages“ versammelten sich dann gegen 17 Uhr in der Jakobikirche rund 60 Bürger_innen, darunter politische Prominenz wie der Ex-Innenminister (MV) Gottfried Timm und des Ex-Bundesverkehrsminister Stolpe, um die zentrale Gedenkstunde des Landes Mecklenburg-Vorpommern abzuhalten. In den Reden u.a. von Bürgermeister Arthur König und der Präsidentin des Landtages Silvia Bretschneider offenbarte sich dann, was schon die schwammigen Ankündigungen vermuten ließen: Die Deutschen wurden als ein Volk von Opfern präsentiert. Durch eine entkontextualisierte Sichtweise auf die Vergangenheit und den wiederholten Verweis auf das erfahrene individuelle Leid, war es den Redner_innen möglich, immer wieder die gefallenen Soldaten der beiden Weltkriege, die Flüchtlinge und Vertriebenen und die ermordeten KZ-Häftlingen in einem Atemzug zu nennen und unter einem diffusen Opferbegriff zu subsumieren. Weiterhin wurde eine „europäisierte“ Sicht auf die Vergangenheit gefordert und auch immer wieder darauf verwiesen, dass gerade auf Grund der Vergangenheit militärische Interventionen der deutschen Bundeswehr in Krisengebieten notwendig wären.
Offenbar konnten sich nicht alle Anwesenden diesen relativierenden und revisionistischen Thesen anschließen und so wurde die Veranstaltung mehrmals durch lautes Husten und Klatschen gestört. Auch blieben einige Personen bei den beiden Gedenkminuten demonstrativ auf ihren Plätzen sitzen, während sich alle anderen Anwesenden erhoben. Mitten in der Rede des Landesvorsitzenden der Deutschen Kriegsgräberfürsorge verließen dann die Kritiker_innen die Kirche, während sie lautstark „Nie wieder Deutschland“ und „Deutsche Täter sind keine Opfer“ riefen. Auf dem Kirchenvorplatz wurden Flugblätter hinterlassen auf denen eine Abschaffung des Volkstrauertages gefordert wurde.

„Sie starben, damit Deutschland lebe.“
… hieß es auf einem Kranz von der „Gruppe Greifswald“, der schon vor der offiziellen Kranzniederlegung am „Volkstrauertag“ um 11 Uhr am Denkmal für die deutschen Gefallenen zu finden war. Die „Gruppe Greifswald“ ist ein Zusammenschluss örtlicher Neonazis, die jedes Jahr zum Volkstrauertag Kränze in Greifswald und auf dem Golm (Insel Usedom) niederlegen, sonst aber nicht unter diesem Namen in Erscheinung treten. Der Kranz störte die langsam eintrudelnde Opfergemeinde von circa 25 Menschen allerdings überhaupt nicht, vielmehr machte mensch sich offensichtlich über einige Antifaschist_innen Sorgen, die sich ebenfalls versammelt hatten. So wurden diese schon im Vorfeld von der Friedhofsleiterin dazu
angehalten, jegliche Provokationen zu unterlassen. Ungeachtet dessen wurde ein Transparent mit der Aufschrift „Deutsche Täter sind keine Opfer – Volkstrauertag abschaffen“ entfaltet, was sofort zu heftigen Reaktionen bei der Opfergemeinde führte.
Und da waren sie wieder: Die Geschichten vom Leid des Vater, der im zweiten Weltkrieg als Soldat sein Leben lassen musste und der Hinweis darauf, dass es doch keine Opfer zweiter Klasse gebe. Dementsprechend wurden dann auch in der Gedenkrede die Gefallenen der beiden Weltkriege, die Vertriebenen, die Verfolgten des Nazi-Regimes und die toten Bundeswehrsoldaten schön aneinandergereiht. Im Anschluss daran fand eine etwas übertrieben anmutende Kranzniederlegung statt, bei der vom Vorsitzenden des Landesverfassungsgericht über den Reservistenverband der Bundeswehr bis hin zur Linkspartei.PDS, insgesamt neun Gestecke feinsäuberlich neben den der „Gruppe Greifswald“ gelegt wurden. Dass es keine Opfer zweiter Klasse gebe, zeigte sich dann beim anschließenden Gang zum sowjetischen Ehrendenkmal wo lediglich sechs der vorher circa 25 Menschen einen Kranz ohne Widmung niederlegten.
Die zweite Kranzniederlegung an diesem Tag, die von der Markomannia traditionell auf dem Wall am Gedenkstein für die „gefallenen Kommilitonen der beiden Weltkriege, stattfindet, hat wohl unter starker Geruchsbelästigung stattgefunden. Unbekannte hatten offensichtlich neben der rosa Farbe auch eine stark stinkende Flüssigkeit am Kundgebungsort hinterlassen.
Interessant ist es, die Veranstaltungen zum „Volkstrauertag“ im Hinblick auf die sonstige Gedenkpolitik der Stadt Greifswald zu betrachten. Denn außer zum „Volkstrauertag“ scheint die Stadt kein Interesse an einer aktiven Gedenk- und Erinnerungspolitik zu haben. Lediglich im Supergedenkjahr 2005 gab es eine offizielle Kranzniederlegung am Tag der kampflosen Übergabe der Stadt an die Rote Armee. Sonstige Veranstaltungen am 8.Mai oder zum „Tag der Opfer des Faschismus“, die zumeist von der örtlichen Linkspartei.PDS initiiert werden, bringen oft nur die Parteimitglieder und einige junge Antifaschist_innen zusammen. Auch beim Gedenken an die Reichspogromnacht, die sich vor eineinhalb Wochen zum 68. Mal jährte, gab es von städtischer Seite noch nicht einmal einen Mahnruf oder eine Stellungnahme – geschweige denn einen Kranz.