7. Juni 2008
Antifademo und Proteste gegen den Naziaufmarsch in Neubrandenburg

Wie die Jahre zuvor marschierte die organisierte Neonaziszene auch dieses Jahr durch Neubrandenburg. Die diesjährige Demonstration stand unter dem Motto „Sozial geht nur National – nationaler Sozialismus statt Globalisierung!“ und war Teil der gleichlauteten NPD-Kampagne, welche bereits am 15. März mit einer Spontandemo durch Neonazis der NPD-MV und der „Mecklenburgischen Aktionsfront“ (MAF) in Neustrelitz gestartet wurde.

Isolierter Marsch durch Plattenbauten

Am Startpunkt an der Nordseite des Bahnhofs bot sich den Beobachtern ein trostloses Bild. Auf einem Gehweg hatten sich wesentlich weniger Neonazis versammelt als ursprünglich erwartet wurden. Schnell wurde klar, dass es bestenfalls halb so viele Demonstrationsteilnehmer wie im Vorjahr werden würden. Mit beträchtlicher Verspätung erreichte dann noch eine größere Reisegruppe der Nazis aus dem Raum Rostock / Güstrow den Bahnhof. Grund für die Verspätung war eine brennende Barrikade auf den Gleisen kurz vor Stavenhagen, welche den Zugverkehr zeitweise empfindlich störte. Eine kleinere Gruppe Neonazis reiste aus Stralsund an. Unter ihnen auch Dirk Arendt, NPD-Abgeordneter in der Stralsunder Bürgerschaft. Auch die „Nationalen Sozialisten Niedersachsen“ gaben sich mit einer Delegation samt Transparent die Ehre. Die Teilnahme von Rechtsextremisten aus dem Raum Berlin-Brandenburg fiel in diesem Jahr hingegen überraschend gering aus.
Mit ca. anderthalbstündiger Verspätung und ungefähr 330 Teilnehmern lief der Demonstrationszug schliesslich los, vorneweg das Who-is-Who der organisierten Nazis aus MV. Fast die gesamte Landtagsfraktion der NPD und auch der „unbekannte Randalierer“ Michael Grewe, sowie etliche andere Kader aus den Reihen der „Mecklenburgischen Aktionsfront“ und des „Sozialen und Nationalen Bündnis Pommern“, hielten sich im vorderen Teil der Demonstration auf und taten sich besonders durch penetrantes Fotografieren der herumstehenden Passanten hervor.
Von der übrigen Bevölkerung durch jede Menge Polizei konsequent isoliert marschierten sie relativ ungestört auf ihrer Route durch das Neubrandenburger Vogelviertel. Vor der Agentur für Arbeit, in der Nähe des Jugendclub „Zebra“, gab es eine größere Zwischenkundgebung, auf der die beiden Hauptredner Michael Andrejewski und Udo Pastörs auftraten. Danach ging es zurück zum Startpunkt „Prellbock“ am Bahnhof, so das alles bereits gegen 14 Uhr wieder vorbei war.

„Wir sind hier doch nicht bei den Bolschewiken“

Am Ende der Demonstration formierte sich zudem ein so genannter „schwarzer Block“ der „Autonomen Nationalisten“. Bereits im Vorfeld und vor allem im Zuge der Berichterstattung über die Mai-Demonstration in Hamburg, bei der es zu schweren Ausschreitungen seitens der Vertreter dieser jüngsten Erscheinungsform des Rechtsextremismus gekommen war, wurde ausgiebig über die angekündigten Gewalttaten der Neonazis spekuliert. Von den vollmundigen Ankündigen ist schlussendlich jedoch nicht viel übrig geblieben.
Etwa 70 dieser „Autonomen Nationalisten“ fanden sich in Neubrandenburg ein. Hierbei fielen besonders Neonazis aus Rostock auf. Ein Teil dieser Personengruppe wollte bereits am 01. Mai 2008 in Hamburg an einer Neonazidemonstration teilnehmen, zog es aufgrund des fehlenden Schutzes der Polizei jedoch vor, nach Bad Oldesloe auszuweichen.
Aber auch hier in Neubrandenburg ordnete man sich lieber wieder unter. So beanstandeten die Demo-Ordner das ungeordnete Auftreten des „NS Black Block“. Auch vom Lautsprecherwagen wurde klar gestellt, dass man hier doch nicht bei den „Hottentotten und Bolschewiken“ sei. Rebellisch wie sie sind stellten sich die „Autonomen“ daraufhin säuberlich in Dreierreihen auf und befolgten alle weiteren Anweisungen. Auch akustisch war nicht viel von ihnen zu vernehmen, wurden sie doch, wenn sie sich einmal zu Sprechchören durchringen konnten, vom Lautsprecherwagen übertönt.
So muss zumindest für die Neonaziszene in Mecklenburg-Vorpommern festgehalten werden, dass die Erscheinung der „Autonomen Nationalisten“, die auch hier seit einigen Jahren wahrnehmbar wird, mehr einen Modetrend denn eine wirklich ernstzunehmende Struktur darstellt. Die Abhängigkeit von den etablierten Kameradschaftsstrukturen der „Mecklenburgischen Aktionsfront“ und des „Sozialen und Nationalen Bündnis Pommern“, sowie den Parteistrukturen der NPD ist offensichtlich.

Rechtsradikale Kontinuität seit 2001

Eine Bewertung des 07.06.2008 verlangt zuerst einen Überblick über die bisherigen Demonstrationen in Neubrandenburg und das Bewußtsein, dass es sich hierbei um eine Kampagne des Kameradschaftsspektrum handelt, mit dem Ziel ein jährliches Event zu organisieren, das über den Rahmen der üblichen kleineren Demonstrationen hinausgeht.
Der 07.06. stellte in diesem Zusammenhang die achte Demonstration in Neubrandenburg dar. Blieben die ersten beiden Demonstrationsversuche mit weit weniger als 200 Teilnehmern auch wirklich nur Versuche, so gelang es bereits am 19.10.2002 mit ca. 300 Teilnehmern den ersten Marsch gegen alle Widerstände durchzusetzen.
De facto stellen die Neubrandenburg-Demonstrationen also bereits seit 2002 ein jährlich widerkehrendes Erfolgsereignis für die Naziszene in MV dar. Mit Ausnahme des Jahres 2003, in dem keine Demonstration statt fand, gelang es in allen Folgejahren, die Demonstration durchzusetzen. Allerdings muss ebenfalls festgehalten werden, dass es in den 6 Jahren seit 2002 nicht gelang die Teilnehmerzahl signifikant zu steigern. Eine Ausnahme stellen hier lediglich die Demonstrationen während des ersten Mai dar, zu der traditionell eine größere Teilnehmerzahl mobilisierbar ist.

Der Mythos der „Roten Hochburg“ Neubrandenburg

Entgegen der eigentlichen Linie muss hier auch ein Wort über die ebenfalls jährlich wiederkehrenden Gegenaktivitäten verloren werden, um zu einer vollständigen Einschätzung zu kommen. Der Mobilisierungserfolg antifaschistischer Initiativen war bisher stets unterschiedlich. Konnten mal 1500 oder sogar 2000 Gegendemonstranten mobilisiert werden, waren es in anderen Jahren lediglich 500 oder, wie in diesem Jahr, knappe 400. Als Fatal stellte sich hierbei heraus, das es den Nazis gelang, in der propagandistischen Auseinandersetzung, den Mythos einer „Roten Hochburg“ und einer „Hochburg des antideutschen Pöbels“ zu installieren, welcher von den beinahe jährlich wechselnden Antifaschistischen Initiativen erst belächelt, aber schlussendlich doch übernommen wurde. So sah man sich bereits zwei Jahre später tatsächlich in der Pflicht, eine vermeintliche „Rote Hochburg“ verteidigen zu müssen. Das Neubrandenburg hingegen nie eine „Rote Hochburg“, sondern maximal ein weißer Fleck auf der Landkarte der Rechtsextremisten in MV war, wurde oft nicht wahrgenommen. So kam es, dass sich die Nazis in den Folgejahren in der bequemen Situation wiederfanden, jährlich auf’s Neue die „Rote Hochburg“ erstürmt zu haben, während sich viele Gegendemonstranten ebenso jedes Jahr aufs Neue die Frage stellten, warum die Neonazis denn schon wieder marschieren konnten und warum an die überraschend großen Proteste des Jahres 2001 nicht angeknüpft werden konnte.[1]
Abschließend kann konstatiert werden, dass die alte Leier von den abertausenden Gegendemonstranten, welche das „rote Neubrandenburg“ 2001 und 2002 verteidigten, kein Grundstein einer erfolgreichen Mobilisierung gegen die zukünftigen Naziaufmärsche sein kann.

Danke an useless für den Bericht.