TU WAT! – für eine aktive Gedenkkultur!
Nichts und niemand ist vergessen!

8. Mai 1945: Dank der alliierten Streitkräfte wird die Welt vom deutschen Faschismus befreit. „Nie wieder Krieg! Nie wieder Faschismus“ heißt die Losung aus dem Schwur von Buchenwald. 63 Jahre danach – Die Deutschen haben offenbar aus ihrer Geschichte gelernt: Es gibt kaum eine_n Politiker_in, der_die nicht zu den alljährlich wiederkehrenden Gedenktagen die besondere deutsche Verantwortung herausstreicht und betont, dass sich die Geschichte niemals wiederholen dürfe.

Misst mensch diese vermeintlich antifaschistische Rhetorik von Schuldanerkennung und Verantwortung an der bundesdeutschen Realität, wird schnell klar, dass es sich hier meist nur um hohle Phrasen handelt. Bis heute warten die letzten Überlebenden des nationalsozialistischen Terrors auf finanzielle Entschädigung, bzw. kämpfen darum, offiziell als Opfer des Nationalsozialismus anerkannt zu werden. (So sind die meisten NS-Urteile gegen so genannte „Kriegsverräter_innen“ bis heute nicht aufgehoben.) Hinzu kommen relativierende Tendenzen, die die deutschen Täter_innen zu Opfern umdeuten. Mit dem Hinweis darauf, dass ja auch die Deutschen während des Nationalsozialismus z.B. als Bombenopfer oder „Vertriebene“ gelitten hätten, werden die Grenzen zwischen den tatsächlichen NS-Opfern und der NS-Täter_innengesellschaft verwischt. An Gedenktagen wie dem Volkstrauertag, an dem „allen Opfern von Gewaltherrschaft, Krieg und Terror“ gedacht wird, kann es dann schon mal passieren, dass Wehrmachtssoldaten, „Vertriebene“, ermordete KZ-Häftlinge, Mauertote und gefallene Bundeswehrsoldaten in einem Atemzug genannt und unter einem diffusen „Opfer“-Begriff zusammengefasst werden. Durch die Gleichsetzung aller von Leid betroffenen wird so eine Auseinandersetzung mit den jeweiligen Täter_innen und dem historisch-gesellschaftlichen Kontext, aus dem heraus diese Taten möglich wurden, umgangen. Es ist nicht hinnehmbar, dass so, diejenigen, die in den Konzentrationslagern vergast wurden, auf eine Stufe gestellt werden, mit denjenigen, die für das reibungslose Funktionieren der deutschen Vernichtungsindustrie Sorge trugen.

Deshalb beinhaltet ein würdiges Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus auch immer den Widerstand gegen solche relativierenden Tendenzen. Im Mittelpunkt des Erinnerns sollte das Gedenken an die Opfer des faschistischen Terrors als einzelne und einzigartige Menschen stehen. Dadurch werden sie der Anonymität entrissen, in die sie durch Entrechtung, Enteignung und Ermordung gedrängt worden sind. Gerade heute, wo die Zahl der Überlebenden der nationalsozialistischen Verfolgung immer geringer wird, liegt es in unserer Verantwortung, dafür zu sorgen, dass die leere Stelle, die das Menschheitsverbrechen Auschwitz in der Geschichte hinterlassen hat, frei bleibt und dieses Land nicht zur Tagesordnung übergehen kann. Dabei können Gedenkorte wie Gedenkstätten hilfreich sein, denn sie erinnern einerseits an das Leben und Leid ihrer Opfer und sind gleichzeitig Aufforderung zum konsequenten Eintreten gegen die Verfälschung der Geschichte und jegliche faschistische und rassistische Tendenzen.

In diesem Zusammenhang müssen auch Ereignisse aus der jüngeren Geschichte angemahnt werden. Seit der Wiedervereinigung sind in Deutschland mindestens 136 Menschen von Neonazis und Rassist_innen ermordet worden. Einer von ihnen ist Eckard Rütz, ein Greifswalder Obdachloser, der in der Nacht vom 24. auf den 25. November 2000 inmitten der Greifswalder Innenstadt erschlagen wurde. Die Täter waren Heranwachsende, die der rechten Szene angehörten. Eckard Rütz musste sterben, weil er, so einer der Täter, „dem deutschen Steuerzahler auf der Tasche gelegen“ hätte. Schon ein halbes Jahr zuvor, im Juli 2000, hatten rechte Jugendliche den Greifswalder Stadtstreicher Klaus Gerecke brutal ermordet. Nach einem kurzlebigen „Aufstand der Anständigen“ wurden beide Opfer des rechten Straßenterrors kurzerhand aus dem kollektiven Gedächtnis der Stadt ausgeklammert. Denn diese Taten passten und passen nicht zum „weltoffenen“ Image der Hansestadt. Für Eckard Rütz existierte nicht einmal eine Gedenktafel. Im November 2006 schlossen sich dann junge Menschen im Bündnis „Schon Vergessen?“ zusammen um Eckard Rütz und den Mord wieder ins Gedächtnis zu rufen und einen Gedenkstein als dauerhaften Ort des Erinnerns zu schaffen. Trotz behördlicher und politischer Widerstände konnte nach einem Jahr die Gedenktafel an der Mensa eingeweiht werden.

Es zeigt sich, dass der Umgang mit der Vergangenheit nichts vor- und festgeschriebenes ist, sondern immer von den gegenwärtigen gesellschaftlichen und politischen Interessen bestimmt. So kann es passieren, dass in der Gedenkkultur Dinge verloren gehen, umgedeutet oder – wie am Beispiel Eckard Rütz – bewusst ausgeblendet werden.
Gedenkorte sind dabei im Kampf gegen das Totschweigen und Vergessen ein wichtiger Bestandteil, weil sie Interesse wecken und das Erinnern fördern. Aber auch sie bilden keinen Garant dafür, dass bestimmte Ereignisse im kollektiven Gedächtnis verankert bleiben. Denn die eigentliche Erinnerungsarbeit überlassen Denkmäler den engagierten Menschen, die bereit sind, Gedenkanlässe mit Inhalt zu füllen und gesellschaftliche Diskussionen anzustoßen. Letztlich liegt es also in unserer Verantwortung, ob und wie Gedenkorte und –tage wahrgenommen werden und ob der Mahnung, die aus ihnen erwächst, praktisch Taten folgen.

„Gedenken an die Opfer der Reichspogromnacht“
Wann? 9. November, 14 Uhr
Wo? Vor der Post (Markt/ Ecke Mühlenstraße)

„Schon Vergessen? Gedenken an Eckard Rütz“
Wann? 24. November, 17 Uhr
Wo? Mensavorplatz

„Schon Vergessen?“ Kampagne in Gedenken an Eckard Rütz
Broschüre „Jüdisches Leben in Greifswald“