TU WAT! Gegen Antisemitismus
Was ist Antisemitismus?

„Wir haben doch schon genug bezahlt“, „Wegen dem Holocaust glauben die, sie können sich jetzt alles erlauben“ oder „Da haben die Juden doch wieder die Fäden in der Hand“ …

… dies alles sind Beispiele dafür, wie sich Antisemitismus gegenwärtig äußert. Antisemitismus ist ein um 1880 entstandener politisch-ideologischer Begriff, der als Oberbegriff für alle Arten und Formen von Feindschaft gegen Juden und Jüdinnen steht. Antisemitismus ist schon lange existent und hat vielfältige Erscheinungsformen.

Schon in der Spätantike, besonders aber im Hoch- und Spätmittelalter wurden Menschen jüdischen Glaubens diskriminiert und verfolgt. Als die Juden und Jüdinnen versuchten ihre kulturelle und vor allem ihre religiöse Identität in der Diaspora zu bewahren und einige religiöse Fanatiker_innen christlicher Religionszugehörigkeit ihre jüdischen Zeitgenoss_innen kollektiv dafür verantwortlich machten, dass ihre Vorfahren Christus töteten, entstanden in mehreren europäischen Ländern starke Wellen des Hasses gegen Juden und Jüdinnen, die sich oft zu Pogromen steigerten. Da den Menschen jüdischen Glaubens aufgrund von Beschlüssen der Kirche Grundbesitzerwerb, Ackerbau und viele handwerkliche Berufe untersagt waren, ihnen aber zugleich das den Christ_innen verbotene Zinsnehmen erlaubt wurde, sahen sie sich zudem auch auf wirtschaftlicher Ebene oft Vorwürfen ausgesetzt. Im Prinzip richtete sich die Feindlichkeit gegen Juden und Jüdinnen zu dieser Zeit gegen ihre religiöse und soziale Sonderstellung in der Gesellschaft.

Der moderne Antisemitismus richtet sich primär gegen den Menschen jüdischer Herkunft, ganz egal welcher Religion er zugehörig ist. Auch ein_e zum Christentum übergetretene_r Angehörige_r der jüdischen Religion ist demnach laut modernem Antisemitismus noch ein Jude/eine Jüdin. Das Bild, der sich emanzipierenden Juden und Jüdinnen, die die Hauptverantwortlichen für die als negativ wahrgenommene Entwicklung von Staat und Gesellschaft darstellten, und die starke Stellung von Juden und Jüdinnen im Finanzwesen riefen einen latenten, sozial motivierten Antisemitismus hervor. Dieser schlug in Perioden starker politischer Spannungen in Ausschreitungen gegen Menschen jüdischer Herkunft um. Im späten 19. Jahrhundert im Zusammenhang mit der Krise des Liberalismus und der durch die industrielle Revolution eingeleiteten sozialen Umschichtung gewann der moderne Antisemitismus an größerem Einfluss. Antisemitische Vorstellungen wurden zunehmend politisch instrumentalisiert und verbanden sich immer mehr mit nationalistischen, aber auch monarchisch-konservativen, christlichen, antiliberalen und antikapitalistischen Vorstellungen. Im Zuge der Einbindung der Rassenlehre radikalisierte sich der Antisemitismus stark und forderte nicht mehr nur die Zurückdrängung des jüdischen Einflusses, sondern darüber hinaus die Ausweisung und schließlich die Vernichtung von Menschen jüdischer Herkunft. Nach der Niederlage Deutschlands und Österreich-Ungarns im Ersten Weltkrieg verschärften sich die Feindseligkeiten gegen Juden und Jüdinnen. So sollten sie für den Umsturz von 1918 verantwortlich gewesen sein und ihr Einfluss in Wirtschaft, Kunst und Literatur so gravierend, dass sie als „Parasit am Volkskörper“ gesehen wurden. Eine aufkommende Tendenz zum extremen Biologismus, mit der sich der Antisemitismus verband, griff auch der Nationalsozialismus auf. In dieser Zeit fand der Antisemitismus mit der systematischen Massenvernichtung von etwa sechs Millionen Menschen jüdischer Herkunft seinen grausamen Höhepunkt.

Auch heute ist der Antisemitismus noch nicht überwunden. Ob offen oder unterschwellig geäußert – Immer noch werden Juden und Jüdinnen Eigenschaften, Absichten und Handlungen zugeordnet, die mit realer jüdischer Existenz nichts, wenig oder nur Missverstandenes zu tun haben. Über Witze, Karikaturen und Gerüchte werden stereotype Merkmale (lange Nase, schmale Lippen, kann gut mit Geld umgehen) von Juden und Jüdinnen aufrechterhalten, die absurd und irrational sind. Sogar hinter antikapitalistischen und antizionistischen Argumentationen verstecken sich manchmal antisemitische Vorstellungen. Feindliches Potential gegenüber Juden und Jüdinnen befindet sich heute also nicht nur in neonazistischen Kreisen, sondern auch unterschwellig in unserer Gesellschaft.

Vortrag „Das ewige Vorurteil? Antisemitismus in Geschichte und Gegenwart“
Wann? 9. November, 19.30 Uhr
Wo? St. Spiritus (Lange Straße 49/51)

Interventionen – Broschüre zur Kritik des Antisemitismus und Rassismus